Im zarten Alter von zehn Jahren ist er einem wild dreinschauenden, unrasierten und zerrauften Ludwig van Beethoven das erste Mal beegnet – und hielt fest, der Komponist habe ihn in dieser Gestalt an Robinson Crusoe erinnert. Doch bald sollte er zu seinem eifrigsten Schüler werden. Und schließlich zum Verkünder der Beethoven’schen Musiklehre. Die Rede ist von Carl Czerny, dem vielleicht bedeutendsten Verfasser von Klavierschulen im 19. Jahrhundert – und manchem Klavierlernenden noch bis in die Gegenwart verhasst.

Eigentlich hätte aus Czerny auch ein Wunderkind werden können. Doch für die ausgedehnten Tourneen durch Europa fehlte Czernys Vater das Geld. So blieb er in Wien. Und hatte Glück: Denn Czerny, der schon früh durch die auswendige Kenntnis von Schlüsselwerken Beethovens auffiel, wurde der erste Schüler des Komponisten aus Bonn, den der Meister mehr für ein symbolisches Entgelt unterrichtete. Im Lauf seiner Karriere sollte sich Czerny zum maßgeblichen Beethoven-Exegeten entwickeln, der nicht nur die Beethoven’sche Fingertechnik im Werk „Die Kunst der Fingerfertigkeit“ (Op. 740) festhielt. Czerny verfasste auch das Werk „Über den richtigen Vortrag der sämtlichen Klavierwerke Beethovens“. Franz Liszt sollte wiederum einer der berühmtesten Schüler Czernys sein – allerdings darf man bei Liszt vermuten, dass er dessen Auslegungsfragen etwas freier angelegt hat.

Beethoven-Biograf Jan Cayers bezeichnet Czerny als „typischen Vertreter der bürgerlichen Kultur des frühen 19. Jahrhunderts, der Fleiß für die entscheidende Eigenschaft des Lernenden hielt“. Czerny sei auch der Erste gewesen, der öffentlich die Haltung vertreten habe, dass man bei Auftritten auswendig und nicht vom Blatt zu spielen habe, so Cayers.

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