Wenn es bei der Musik so etwas wie eine kardinale Streitfrage gibt, dann sicher die um die „richtige“ Interpretation eines Werkes. Oft heißt das dann auch: die „wahre“ Interpretation. Wie, also noch mal, darf, soll man Beethoven „richtig“ spielen? „Früher nannte man das ‚Auffassung‘“, erinnert Michael Korstick an die Sicht des Interpreten. Doch große Komponisten hätten nichts mehr gehasst als die eigene Auffassung des Interpreten.

„Wenn man es anders empfindet als der Komponist, darf man es dann auch anders spielen?“, stellt Korstick beim neunten Kapitel eine Frage in den Raum, wo man mittlerweile ein bisschen auf seine Antwort tippen darf. Ihm behage das Wort „Interpretation“ ohnedies nicht, erzählt er an seinem Trainingsflügel in seinem Schremser Arbeitszimmer.

„Früher hieß das ‚Auffassung‘. Wenn man um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert die großen Musiker befragte, was sie über Musik denken, dann fiel unabwendlich das Wort ‚Auffassung‘“, berichtet Korstick. Viele Komponisten hätten gar nicht die eigene Sicht des Interpreten auf das Werk gewollt, erinnert Korstick etwa an die Haltung von Maurice Ravel: „Ravel hat gesagt, meine Musik braucht man nicht zu interpretieren, mir reicht es, wenn man sie spielt, so wie sie dasteht.“

Man sollte also, so legt sich Korstick fest, bemühen, das „das zu tun, was der Komponist will, auch wenn man vielleicht im ersten Moment das gar nicht so empfindet“. Ja, so sagt er, man stünde doch in der Pflicht, das zu tun, was der Komponist wollte: „Wir müssen verstehen und durch unsere Persönlichkeit reflektieren. Deswegen denke ich, sollten wir uns einmal ganz schnell von dem Wort ‚Interpretation‘ verabschieden. Ich glaube, die Zeiten sind vorbei.“

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