Niemand war bis zu seiner Zeit radikaler, ja, auch freier im Umgang mit der Form der Klaviersonate als Ludwig van Beethoven. Beim Opus 111 genügten ihm gerade einmal zwei Sätze zum Verdutzen seiner Verleger. Und, wäre er älter geworden, vielleicht hätte er uns auch noch die einsätzige, lange Sonate hinterlassen. Auch was die Motive anlangt, war Beethoven ein freier, wilder Hund, wie Michael Korstick beim Buchstaben S wie Sonate zeigt.

Beethoven war ein Mann der musikalischen Ideen. Ideen, die er mitunter sehr rasch und hastig zu Papier bringen wusste. Während Mozart vielleicht der bessere Gestalter, Aufgreifer und Erfinder musikalischer Motive war, so kann man bei Beethoven sagen, er suchte nach der idealen Form zur Idee. Und seine Ideen konnten schon mal ganz schön radikal sein, wie auch Korstick am Klavier demonstriert.

„Vivace, ma non troppo“, steht am Beginn der Klaviersonate Nr. 30, op. 109, in E-Dur – vielleicht einer der freisten wie schönsten Einstiege in eine der Sonaten Beethovens. „Kann das eine Sonate sein?“, fragt Korstick und lädt uns zu einem Experiment ein: Könnten wir sagen, was das Motiv dieses Anfangs ist? „Das Ganze klingt wie alles Mögliche, eine Fantasie, ein Charakterstück, aber sicherlich nicht wie eine Sonate“, so Korstick, der letztlich zum genauen Hinhören und auch eigentlich zur Geduld bei Beethoven rät, denn der Aufbau, er erschließe sich bei Beethoven nun einmal nicht von einem Motiv weg, sondern von der Gesamtidee.

„Für mich ist das eigentlich der Stichpunkt, was für Beethoven die Sonate überhaupt bedeutet hatte, weil er jedes Mal, wenn er eine Sonate geschrieben hat, die Form noch mal neu überdachte“, so der Pianist. Er habe die Sonate nicht jedes Mal neu erfunden, aber er habe stets nach neuen Lösungen gesucht: „Das zeichnet ihn, glaube ich, vor allen anderen Komponisten seiner Zeit aus, weil vor allen Dingen diese Suche nach der neuen Form bei Beethoven organisch war.“

„Es war nicht einfach die plakative Suche nach dem Neuen – Motto: Ich mache jetzt alles anders –, sondern er sah einfach, wenn er Ideen hatte, musikalische Ideen, die er ausdrücken wollte, dass er dafür eine adäquate Form finden musste“, so Korstick, der für sich zu einem Resümee kommt: „Hut ab, Herr van Beethoven!“

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