Gibt es einen echten, einen reinen Beethoven? Oder anders gefragt: Worauf sollen wir uns beziehen, wenn wir einem möglichst originalen Beethoven nahekommen möchten? Die Antwort liegt im Urtext. Und der Urtext führt wieder auf einen bisher schon bekannten Punkt: die penible Arbeit der Freilegung eines möglichst klaren Originals. Oder wie sich Michael Korstick philosophisch festlegt: „Ohne Urtext ist alles nichts.“

Wer sich nicht darum „schere“, welche Vortragsbezeichnungen in den Noten bei Beethoven stünden, der kann dieses Kapitel wohl überspringen, rät Michael Korstick sinngemäß. Wer aber dem Original nahekommen wolle, der komme ohnen einen „Urtext“ nicht aus. Bei Beethoven etwa liegen zahlreiche der Urtexte in der Wienbibliothek vor, die mittlerweile über den Musikverlag Schott zugänglich sind.

„Der Urtext ist nichts anderes als ein Notentext, der von allen fremden späteren Zutaten gereinigt ist, wo wirklich nur das drinnen steht, von dem wir zu 100 Prozent wissen, dass es von Beethoven selber kommt“, erläutert Korstick: „Wenn zum Beispiel irgendwo nichts steht, wo ein Crescendo sinnvoll wäre, dann halte ich das persönlich für ein Verbrechen, als Herausgeber hinzugehen und da einfach ein Crescendo hinzusetzen, weil ihm das gut gefällt. Das ist natürlich eine relativ moderne Erkenntnis.“

Wenn man in die Beethoven-Ausgaben des 19. Jahrhunderts hineinschaue, könne man erkennen, dass sich viele „zweifelhafte Dinge“ eingeschlichen hätten, die damals einfach nicht gut recherchiert worden wären und einfach „über den Daumen gepeilt wiedergegeben wurden“: „Es wurde auch nicht kenntlich gemacht, wo die Quellenlage unklar war.“

„Ich habe mal die interessante Erfahrung gemacht, als ich bei einer sehr alten Dame in meiner Studentenzeit, die eine recht bekannte Pianistin war, die Hammerklaviersonate nach dem Essen vorspielte“, erinnert sich Korstick: „Das muss man sich ohnedies auf der Zunge zergehen lassen: Hammerklaviersonate nach dem Essen!“

Sie habe gemeint, sie wolle es aus der Ausgabe von Hans von Bülow vorgespielt haben, „worauf ich nur entgegnen konnte“: „Ja um Gottes willen, natürlich spiele ich das aus einer Henler-Ausgabe, muss doch Urtext sein.“

„Dann erklärte mir die alte Dame – und da ist mir das eigentlich erst aufgegangen –, was der Urtext bedeutet: Aber das ist doch Unsinn, so ein Urtext, da steht doch nichts drinnen“, so Korstick weiter. Das Argument der Dame: „Dem Geschmack von einem so großen Künstler wie von Bülow kann man doch vertrauen.“ Dagegen hält Korstick: „Ohne Urtext ist alles nichts.“

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