Lisztomania, das ist mit Beethoven nicht zu haben – sagt Michael Korstick im Kapitel W wie Werktreue und erinnert daran: Während es bei Liszt um die poetische Idee gehe und damit Freiheiten erlaubt seien, verhalte es sich bei Beethoven anders. Werktreue heiße bei Beethoven einfach Exaktheit, gerade bei den Vortragsbezeichnungen. Kurz gesagt: Bei Beethoven hört sich manchmal auch der Spaß auf.

„Carl Czerny hatte schon recht“, sagt Korstick über den berühmten Beethoven-Schüler und maßgeblichen Wegbereiter der frühen Beethoven-Interpretation: „Man muss alles versuchen so zu spielen, wie es von Beethoven gemeint ist, und nicht nur so, wie man es kann. So, wie man es einfach nur kann, das reicht nicht.“

Werktreue bedeute natürlich nicht, dass man alles genau so „referiert“, wie es im Notentext stehe: „Denn dann würden ja alle Pianisten gleich klingen. Und genau das wird ja niemals passieren, selbst wenn zwei Pianisten versuchen, genau das Gleiche zu machen, dann wird es nicht gleich klingen. Das sind zwei verschiedene Personen, es sind so viele Faktoren im Klavierspiel und im Musikmachen überhaupt angelegt, dass man im Prinzip die Hälfte der Dinge, die man tut, eigentlich gar nicht bewusst gestalten kann. Die sind schon vorgegeben, aus der eigenen Persönlichkeit heraus. Es sind dann einfach nur diese anderen 50 Prozent, die man noch beeinflussen und gestalten kann und muss.“ An diesem Punkt müsse man versuchen, Beethoven auf die Spur und seinen Intentionen nahezukommen. Beethoven habe nicht nur einen unfassbaren Kontrollzwang gehabt, so Korstick, sondern er habe seine Partituren auch „unfassbar genau bezeichnet“.

Er wolle mal als Gegenbeispiel Franz Liszt bringen: „Bei Liszt ging es um eine poetische Idee, die er versucht hat, in Tönen zu fixieren. Und wir wissen ja jedes Mal, wenn er ein Stück sich noch einmal vorgenommen hat für eine Revision, hat er Tausende Details verändert. Wenn er alte Stücke, die er geschrieben hatte, im Unterricht mit Studenten noch einmal durchgearbeitet hat, dann fielen ihm immer wieder neue Lösungen ein, die er dann auch notiert hat. Darum gibt es ja so viele abweichende Versionen. So, was bedeutet das für Liszt? Bedeutet das, wenn ich irgendwo in einer Liszt-Partitur, wo piano steht, forte spiele, dass ich mich an der Werktreue versündige? Sicher nicht. Bei Liszt ist es wichtig, die poetische Idee zu erfassen und in irgendeiner Form umzusetzen. Es muss aber immer in dieser poetischen Idee drin sein.“

Bei Beethoven aber sei es völlig anders, so Korstick, „da ist es genau verdreht, da ergibt sich nämlich der Charakter aus dem Nachempfinden der exakten Mutation“.

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