Repertoire

Barock

Warum wirkt Bachs Musik so ewig-gültig?

„Die Antipoden des Barock sind für mich Johann Sebastian Bach und Domenico Scarlatti, auch wenn sie sich nicht gekannt haben. Bach verkörpert gewissermaßen die kosmische Ordnung in der Musik, bei ihm sind die musikalischen Verflechtungen ganz abstrakt, nach ewigen Ordnungsprinzipien angelegt. Jede Note steht bei Bach genau deshalb da, wo sie steht, weil sie dort stehen muss. Es gibt immer einen höheren Sinnzusammenhang. Seine Musik ist dadurch quasi unabhängig von ihrer Zeit und deren Instrumenten. Man kann Bach genauso gut auf dem Synthesizer spielen, die Substanz der Musik wird davon nicht berührt. Für Pianisten ist das eine ganz spannende Angelegenheit: wo ist bei dieser geordneten Musik Raum für Interpretation? Und welche Rolle spielt der moderne Flügel, den Bach ja nicht kannte? Spielt man Bach auf dem Klavier, dann ist das quasi schon eine Transkription. Man muss also einerseits ein Stilempfinden haben, um zu wissen, was geht und was nicht, andererseits die Offenheit, mit allen Möglichkeiten des Instruments an Bachs Musik heranzugehen.

Scarlatti, der Antipode, fasziniert mich deshalb, weil da überhaupt nichts mit kosmischer Ordnung ist. Der Mann war ein genialer Chaot, ein Improvisator. Seine 555 Sonaten sind einfach so aus ihm herausgeflossen, Fragen wie Struktur oder Stimmführung haben ihn praktisch nicht interessiert. Würde man hier und da ein paar Noten austauschen, würde das überhaupt nichts ändern. In den überlieferten Notenausgaben gibt es gewaltige Abweichungen, hier fehlen ein paar Takte, dort stehen andere Noten oder Rhythmen, all das macht überhaupt nichts, alles funktioniert so oder so. Zwischen diesen beiden Gegenpolen spielt sich im Barock unendlich viel ab, und es ist schon bezeichnend, dass man am ehesten mit Barockmusik viele Nicht-Klassikhörer unmittelbar ansprechen kann. Barockmusik hört einfach jeder gern, und sei es im Aufzug oder im Auto.“

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