Repertoire

Klassik

Wen würden Sie im Musikerhimmel gern kennenlernen, Beethoven oder Mozart?

„Die beiden sind sich ja ziemlich sicher begegnet, auch wenn von einer solchen Begegnung keine Zeugnisse existieren. Aber irgendwie denke ich, dass sie sich wohl kaum viel zu sagen hatten, nicht nur wegen des Altersunterschieds von 14 Jahren. Beethoven war halt ein begabter Achtzehnjähriger, Mozart mit seinen 32 Jahren aber eine Berühmtheit. Es lagen also Welten zwischen den beiden, auch in ihrem Musikverständnis. Mozart war der große Vollender, wenn er ein neues Stück schrieb, hatte er es so gut wie fertig im Kopf und musste es nur noch zu Papier bringen. In diesem Prozess brauchte es auch keine Entwicklungen. Wenn Mozart wusste, für welches Medium, für welchen Zweck er etwas schreiben wollte, dann sprang der Computer in seinem genialen Kopf an und lieferte auf Knopfdruck das passende Stück. Kein Wunder, dass er 630 Werke in den wenigen Jahren seines kurzen Lebens schreiben konnte. Und ein jedes ist perfekt!

Um dagegen zu verstehen, wie Beethoven gearbeitet hat, braucht man sich bloß seine Manuskripte anzuschauen: die sehen oft aus, als ob eine Schar Hühner über die Notenblätter gelaufen wäre. Da ist oft völliges Chaos. Beethoven hat Musik nach und nach entwickelt, da war nichts fertig im Kopf, er war der Meister des prozesshaften Komponierens. Jedes Mal fing er bei Null an und entwickelte nach und nach die Form und den Ausdruck eines Stücks. Das ist eine wahnsinnig anspruchsvolle Art zu komponieren, aber so floss immer unendlich viel von seiner Persönlichkeit hinein. Das ist für den Interpreten enorm reizvoll, weil man sich dadurch in diese Persönlichkeit hineinversetzen kann. Wenn man als Pianist Beethoven spielt, kann man durchaus auch mal einen Vulkanausbruch simulieren. Bei Mozart ist das nicht drin. So ist der Mozart-Typ des Pianisten in der Regel kein optimaler Beethoven-Interpret. Andersherum geht es vielleicht eher: wenn man ein guter Beethoven-Spieler ist, dann heißt das eben nicht, dass man kein guter Mozart-Spieler sein kann, nur muss man sich den Mozart dann hart erarbeiten.

Also Leidenschaft für Beethoven hin oder her: im Musikerhimmel würde ich ihm schon ganz gern ein paar Detailfragen stellen, was denn nun an dieser oder jener Stelle wirklich richtig ist. Aber als Mensch interessiert er mich nicht wirklich, für mich lebt er in seiner Musik. Ich würde ihn dann ganz schnell fragen, wo ich denn den Herrn Mozart finden könnte!“

Zur Übersicht